Gastbeitrag – Eine kurze Geschichte des Internets

Manchmal braucht es verdammt lange, bis Ideen wirklich bei den Menschen ankommen. Ob Automobil, Glühlampe, Flugzeug oder Telefon – immer vergingen Jahrzehnte, bis die Technik perfektioniert und Berührungsängste abgebaut waren. Beim Internet war das anders: zugleich versteckter und präsenter, schneller und radikaler. Aber vor allem anders. Und das merkt man bis heute.

Das mag auch daran liegen, dass das Internet – streng genommen – gar keine eigenständige technische Innovation ist, sondern vielmehr eine geschickte, neuartige Verknüpfung von Technologie-Elementen.

Am Anfang war der Computer

Die Schlüsselerfindung hieß „Z3“ und wurde 1941 von dem deutschen Bauingenieur (!) Konrad Zuse zusammengesetzt. Der Z3 war der erste wirklich funktionsfähige Computer. Als 1948 zudem die ersten Transistoren erfunden wurden, stand der Miniaturisierung der Elektronik nichts mehr im Wege. Vielleicht lässt sich auch ein Internet ohne Computer denken – aber dies wäre wie eine Biologie ohne Aminosäuren.

Das binäre Grundprinzip moderner Computer – also das Rechnen mit Nullen und Einsen, mit den Zuständen „Strom aus“ und „Strom ein“ – ist schon wesentlich älter. Der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz formulierte 1679 die Grundgedanken zur binären Rechenmaschine. So betrachtet, brauchte der Computer einen Anlauf von fast 300 Jahren.

1969: Das erste Netz wird geknüpft

Einer der meistzitierten Sätze über Technologie-Irrtümer lautet: „Ich denke, es gibt weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer.“ So sprach 1943 Thomas Watson, der Vorsitzende des Elektronikkonzerns IBM. Schon in den 1960er-Jahren wurde überdeutlich, wie sehr Watson mit seiner Voraussage daneben lag. Um die notarisch knappen Kapazitäten an Großrechnern besser zu nutzen, ließ sich 1969 die US-Militärbehörde ARPA etwas einfallen: Sie schuf ein Datennetz zwischen vier US-amerikanischen Universitäten. In diesem Arpanet wurden vor allem Daten und Fakten zu militärischen Forschungsprojekten von einem Rechner zum anderen geschickt. Das Arpanet gilt heute als direkter Vorläufer des Internets.

Da es zunächst an einheitlichen Standards fehlte, wie die Daten versendet, gespeichert und weiterverarbeitet werden sollten, war die Übertragung oft mühsam und fehlerhaft. In anderen Aspekten war die Technologie schon erstaunlich weit fortgeschritten. So gab es Modems, die Datenpakete auf die Reise durch Telefonleitungen schickten und Router, die die Pakete in die richtigen Kanäle dirigierten.

1971: die allererste E-Mail

Heutzutage werden wahrscheinlich über 100 Milliarden E-Mails versendet – jeden Tag. Die erste dieser elektronischen Botschaften verschickte der Computertechniker Ray Tomlinson im Jahr 1971. Nur sechs Stunden brauchte der US-Amerikaner, um ein entsprechendes Programm zu schreiben. Tomlinson hielt seine Entwicklung seinerzeit für eine „niedliche Idee“. Die erste E-Mail-Adresse der Welt hatte übrigens bereits das typische @-Zeichen und lautete tomlinson@bbntenexa. Die Länderendungen (Top Level Domains) waren noch nicht erfunden.

1983: das Internet Protocol

Seit den 1980er-Jahren begann sich (zunächst in Fachkreisen) der Begriff „Internet“ zu etablieren. Ein wichtiger Schritt zu dem Datennetz, wie wir es heute kennen, war 1983 die Einführung vieler neuer „Protokolle“. Dabei handelt es sich um vielschichtige Regeln, wie die verschickten Datenpakete erkannt und behandelt werden sollen. Erst dadurch ist ein schneller und weitgehend fehlerfreier Datenaustausch zwischen den beteiligten Rechnern möglich.

Besonders wichtige Protokolle sind das übergeordnete „Internet Protocol“, das dem Netz seinen Namen gab, und das TCP („Transmission Control Protocol“). Dadurch wurden auch die IP-Adressen möglich, die jedem Rechner im Internet eine konkrete Zahlenkombination zuordnen. Webseiten im heutigen Sinne gibt es erst seit dem Jahr 1990, als das World Wide Web eingeführt wurde. Die für moderne Internet-Browser lesbare Sprache HTML (Hypertext Markup Language), in der diese Seiten geschrieben sind, stammt von dem britischen Physiker Tim Berners-Lee. Heute sind rund 200 Millionen, mit HTML-Dokumenten bestückte, Domains online und werden von Suchgiganten wie Google durchwühlt.

Spätestens hier wird deutlich: Das Internet ist tatsächlich anders als andere Erfindungen. Es hat keinen einzelnen Erfinder, sondern ist eine Kombination aus technischen Geräten zur Datenübertragung und Systematiken der Datenerkennung und -verarbeitung. Es definiert einen festen, standardisierten Rahmen für ein Geflecht aus Kommunikationssträngen, technischen und sozialen Interaktionen.

„Nur ein Hype?“

Wie viele große Neuerungen wurde das Internet anfangs maßlos unterschätzt. Selbst dem Microsoft-Chef Bill Gates fehlte zunächst die notwendige Phantasie. Das Internet sei lediglich ein „Hype“ weissagte der heutige Multi-Milliardär und wies seine Techniker an, sich mit Wichtigerem zu befassen.

Tatsächlich war das Internet bis weit in die 1990er-Jahre vor allem eine Spielwiese für Wissenschaftler und technikbegeisterte Freaks. Schuld waren lahme Datenströme und schwerfällige Benutzeroberflächen, die für den „Normalverbraucher“ einfach zu unkomfortabel waren. Ein großer Schritt voran war die grafische Benutzeroberfläche Windows 95.

Internet heute: zwischen Kommerz und Social Media

Auch der elektronische Handel kam zunächst nur langsam in Schwung. Es fehlte unter anderem an geeigneter Software und Geschäftsprozessen. Verbraucher und Händler schenkten dem ungewohnten Medium nur zögerlich ihr Vertrauen. Diese kommerziellen Startschwierigkeiten sind längst überwunden: Im Jahr 2012 überschritt der weltweite Umsatz im E-Commerce erstmals die Grenze von einer Billion (1000 Milliarden) US-Dollar. Vor allem Bücher und Reisen machten den Anfang. Heute werden zahlreiche Konsumartikel mit höchster Selbstverständlichkeit „online“ gehandelt.

Obwohl eigentlich eine technische Struktur, ist das Internet längst ein soziales Phänomen mit ganz eigenen Kommunikationsmustern geworden. Historisch betrachtet, machten vergleichsweise simple Textchats den Anfang. Heutige Anbieter wie Facebook oder Google+ wollen ihre Nutzer in möglichst komplexe Erfahrungsräume einbinden. Manche Mitglieder dieser Social-Media-Plattformen verbringen dort einen erheblichen Teil ihrer Freizeit, pflegen freundschaftliche, erotische oder berufliche Kontakte.

Noch völlig offen ist, wie sich das weltweite Datennetz gerade in Abgrenzung – oder in Kombination – mit den Smartphones weiterentwickeln kann. Denn das Internet hat bestimmt das Potenzial, sich immer wieder neu und anders zu erfinden.

Jürgen ReschkeAutoreninfo:
„Jürgen Reschke ist PR-Fachmann und Webmaster. Der Hannoveraner betreibt
ein Dutzend Websites wie beispielsweise eine-frage-der-technik.de und
spenden-ratgeber.de. Er schreibt über ein breites Themenspektrum von
Technik bis Reisen.“

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